Der Gebäudekomplex in der Bürg

“Unvergesslich bleibt ihr Name”

Antonie Laucher und der Dechanthof: Was man über Straubings Geschichte durchaus wissen sollte

Der Name Dechanthof stammt wohl aus dem im 16. Jahrhundert, als im Zug der Gegenreformation das Augustiner-Chorherrenstift aus Münster nach Straubing kam und sein Dekan, der Dechant, hier residierte. […] Vor knapp 100 Jahren, im Jahr 1925, hat Antonie Laucher den Hof gekauft. Sie hat einen Verein gegründet, den Katholischen Arbeiterinnen-und Hausangestelltenverein, sie hat eigenes Geld in die Hand genommen und vor allem Spendengelder gesammelt. […]  Mit Rang, Namen und Geld zu beeindrucken war diese Frau jedenfalls nicht. Sie beeindruckte selbst. Vielleicht half dabei, dass sie die sogenannten besseren Kreise gut kannte. Die Lauchers gehörten seit Jahrzehnten selber dazu. […] Es waren angesehene Mediziner wie Antonies Vater und Bruder, oder Juristen und Künstler. Eine Vorfahrin, Antonia Laucher, war um 1800 eine der größten Sopranistinnen ihrer Zeit, deren Nichte Marie war ebenfalls Sängerin und Lebensgefährtin Johann Nestroys. Der Straubinger Zweig war stark sozial engagiert.

„Sie war eine sehr christliche Frau“, sagt Hermann Josef Eckl,„aber sie war nicht bigott.“ Eckl schildert eine Frau, die die Amtskirche kritisch sah, eben weil sie Christin war. Eckls Familie hat einen tiefen Bezug zu den Lauchers; die Großmutter war in Stellung bei Antonie und ihrem Bruder, Sanitätsrat Max Laucher, unverheiratet wie sie. Auch ihr Vater Karl war Arzt und wusste, dass medizinische Versorgung speziell für Arbeiterinnen kaum zu bezahlen war. Offiziell gab es seit 1883 eine Krankenversicherung, aber Frauen hatten damals kaum eine. Die Lauchers behandelten oft kostenlos, denn gesund oder krank war eine Existenzfrage, und die Inflation von 1921 hatte auch das Vermögen der Rentenversicherung zerstört. Der Dechanthof sollte ihre Existenz sichern helfen: Wer im Dechanthof wohnte, gab vom Lohn einen kleinen Teil ab. So sind die Frauen im Haus finanziert worden, die nicht mehr verdienen konnten: Eine Art erste Kranken- und Arbeitslosenversicherung. Die Zünfte und Gesellenvereine der Männer hatten das schon lange so gemacht, sie boten schon immer eine gewisse Mindestabsicherung. Aber für Frauen? Für Dienstmädchen? Das war neu.

In einen Teil des Dechanthofs hat sie ein Theater einbauen lassen, später wurde daraus das Burgkino. Es war ein hochwertiger Theatersaal mit moderner Bühnentechnik, aufwendig, ambitioniert. Theaterspielen war eine wichtige Sache, es war Teil des Bildungs- und Fortbildungsangebots im Dechanthof, und: Theater brachte Einnahmen. Der Saal zielte auf das gehobene Bürgertum als Publikum ab, und das brachte Geld. Es gab Vorträge, Kurse, Ausflüge, und stets war das Ziel, zu zeigen, dass Frauen mehr konnten als 50 Stunden und länger pro Woche in Ziegeleien oder Haushalt zu werkeln. Im Dechanthof wurden Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein vermittelt, und dass eine Frau genau so viel wert war wie ein Mann. Sie hat das vorgelebt. Bereits ihre Frisur war ein Zeichen: Kurze Haare waren noch um 1900 für Frauen unmöglich, aber Antonie Laucher trug ihr Haar kurz. Sie hatte auch kein Problem, notfalls selbst in einem der besseren Häuser zu erscheinen und einer unguten Herrin die Leviten zu lesen. „Frau Rechtsanwalt, glaubens ja ned, dass Eana im Himme drom de Dienstmädchen a no an Fußschaml macha müssen“, ist eine überlieferte Ansage an eine Dienstherrin.

Dass eine von Straubings ersten Stadträtinnen als Adresse „In der Bürg 2“ und damit im Dechanthof hatte, ist wohl kaum Zufall. Sie hieß Fanny Obermeier, war bei ihrer Wahl 44, und wie die beiden einzigen Stadträtinnen vor ihr trat sie an für die Bayerische Volkspartei. Aber sie war die erste Frau, bei der als Beruf nicht „Kaufmannswitwe“ oder „Gärtnersfrau“ stand, sondern ihr eigener: Arbeiterin. Das war 1929, vier Jahre nach Kauf des Dechanthofs durch Antonie Laucher und ihren Arbeiterinnenverein. […]

Auszug aus dem gleichnamigen Artikel von Wolfgang Engel

Artikel aus dem Straubinger Tagblatt vom 3. Juli 2021; Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis der Mediengruppe Attenkofer

Antonie Lacher im Gespräch am Stadtplatz (Foto: Stadtarchiv Straubing)